DER LORELEI-BRUNNEN IN NEW YORK

HEINE, SISI, DÜSSELDORF UND DIE BRONX

Niemand hat die Werke Heinrich Heines mit größerer Begeisterung gelesen als Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als "Sisi", woraus das Kino später "Sissi" machte. Die Verehrung eines mit Revolution und Sozialismus sympathisierenden Schriftstellers war für eine Monarchin allerdings nicht selbstverständlich. Sie wurde dadurch auch in die heftigen Auseinandersetzungen um ein Heine-Denkmal verwickelt, das man 1887 in Düsseldorf plante. Das Vorhaben scheiterte. Stattdessen steht das Monument heute in der New Yorker Bronx.

Als Elisabeth 1854 Kaiser Franz-Joseph heiratete, lag Heinrich Heine schon jahrelang krank in seiner "Matratzengruft" in Paris, wo er 1856 auch starb. Die Kaiserin glaubte allerdings, der Meister flüstere ihr trotzdem Anleitungen für ihre eigenen Gedichte zu, ja, angeblich hatte sie sogar nächtliche Heine-Erscheinungen. Politisch war der streitbare Dichter für sie ebenfalls kein Fremder, denn republikanische Ideen lagen ihr durchaus nicht fern. Natürlich wurden derartige Dinge vom Hof nicht kommentiert, doch Sisis Heine-Bewunderung als solche war allgemein bekannt.

Das Düsseldorfer Komitee bat die Kaiserin daher berechtigterweise um finanzielle Unterstützung für das geplante Denkmal. Elisabeth sagte zu, falls der Bildhauer Ernst Herter die Entwürfe liefere. Begeistert reimte sie zugleich über ihren Lieblingsdichter: "Es will die Nachwelt ihm den Dank nun geben / Ihm dessen goldne Lieder ewig klingen, ewig leben."

© Foto: Archiv NRW-Stiftung
© Foto: Archiv NRW-Stiftung
Politik und Sangeslust
Doch diesen Enthusiasmus teilten nicht alle. Im Gegenteil in Deutschland wurde Heine vielfach als Vaterlandsverächter angefeindet. Antisemitismus spielte dabei eine große Rolle. Der Schriftsteller hatte sich zwar 1825 taufen lassen, dennoch attackierte man ihn immer wieder als jüdischen "Schmutzfink" ohne Sinn für deutsches Wesen. Selbst Verteidiger wie der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Paul Heyse ließen Heine meist nur als Genie der "Sangeslust" gelten, nicht aber als kritischen Kopf. Dass in Deutschland allenfalls ein halber Heine akzeptiert wurde, erklärt auch den in Düsseldorf favorisierten Denkmalsentwurf einen Brunnen, der nicht den Autor, sondern dessen berühmteste Figur, die Lorelei, in den Mittelpunkt stellte. Heines Porträt wurde auf den Denkmalsockel verbannt, sehr zum Verdruss von Elisabeth, die überdies nicht länger Gegenstand von Debatten sein wollte und so das Interesse an dem Projekt verlor. Stattdessen ließ sie sich für ihren Palast auf der griechischen Insel
Korfu einen Heine-Tempel mit Heine-Standbild errichten.

Das Düsseldorfer Denkmalskomitee geriet derweil immer mehr in die Defensive, und 1893 ließ die Stadt das Vorhaben endgültig im Sande verlaufen. Ausgerechnet ein kriegerisches Heldenmonument trat an seine Stelle. Eine Zeitlang diskutierte man noch in Mainz und Frankfurt über ein mögliches Asyl für das Heine-Denkmal, doch die Ablehnung siegte auch hier. Rettung kam erst aus Amerika: 1895 fragte der jenseits des großen Teichs beheimatete deutsche Gesangsverein "Arion" bei Ernst Herter an, ob der Brunnen womöglich in New York realisierbar sei. Die New Yorker Parkverwaltung zog ebenfalls Erkundigungen ein. Der Künstler erklärte sich einverstanden, und so konnte die "Lorelei Fountain" 1899 im damals aufblühenden New Yorker Stadtteil Bronx enthüllt werden genauer gesagt im Franz-Sigel-Park, benannt nach einem im amerikanischen Bürgerkrieg aktiven deutschen Offizier.

Der ehemalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau übergab 1989 in New York synbolisch den Scheck der NRW-Stiftung, die mit 50.000 Mark zur Rettung des Denkmals beitrug.<br />
<br />
© Foto: Archiv NRW-Stiftung
Der ehemalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau übergab 1989 in New York synbolisch den Scheck der NRW-Stiftung, die mit 50.000 Mark zur Rettung des Denkmals beitrug.

© Foto: Archiv NRW-Stiftung
Denkmal im Brennpunkt
Trotzdem war das noch kein Happy End, denn schon ein Jahr nach der Einweihung des Brunnens schlug ein männlicher Täter der Personifikation der Lyrik den Kopf ab unter nachträglichem Beifall der Frauenorganisation "Women´s Temperance Union", der die nackten Marmorfiguren heftig missfielen. Während der Weltkriege führte die Empörung über Deutschland zu weiteren Beschädigungen, später überwog die pure Zerstörungslust. 1975, als die Bronx zum Inbegriff eines sozialen Brennpunkts geworden war, galt der Brunnen als das am meisten von Vandalismus betroffene Denkmal New Yorks. Doch zum Glück beruhigte sich der Brennpunkt wieder, zum Vorteil auch der Lorelei. Ende der 1980er-Jahre unterstützte der damalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau eine deutsch-amerikanische Wiederbelebung der rheinischen Sängerin im US-Exil. Auf Initiative der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft beteiligte sich damals auch die NRW-Stiftung an der Sanierung des Denkmals, das dafür eigens nach Kanada verfrachtet wurde. Es bekam anschließend einen neuen Standort im Joyce-Kilmer-Park, wieder in der New Yorker Bronx, nahe der Kreuzung 161. Straße/Grand Concourse. Kaiserin Elisabeth würde zwar immer noch eine Heinestatue auf dem Sockel vermissen dem atlantikübergreifenden Einsatz für das Kunstwer aber wohl trotzdem gern einen Vers widmen.

Text: Ralf J. Günther
Lorelei in Marmor

© Foto: Archiv NRW-Stiftung
© Foto: Archiv NRW-Stiftung
Der Bildhauer Ernst Herter (18461917) lieferte mehrere Entwürfe für das Heine-Denkmal. In Marmor realisiert wurde davon der sogenannte Lorelei-Brunnen, der von einem zentralen Sockel geprägt ist, auf dem die schöne Sängerin sitzt und sich kämmt. Zu ihren Füßen haben sich die Personifikationen der Lyrik, der Melancholie und der Satire gelagert, zwischen denen Delfine das Wasser in Schalen speien. Die Sockelzone unterhalb der Lorelei zeigt auf einem Relief Heine selbst im Profil.

Daneben gibt es noch zwei weitere Reliefs. Das eine stellt als Verkörperung des Humors einen Knaben mit Narrenkappe dar, der mit der Feder auf einen Drachen zielt. Das andere lässt eine Sphinx erkennen, die einen nackten Jüngling im Todeskuss umarmt.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 01/2019


Kommentare

Sie haben dieses Projekt der NRW-Stiftung bereits besucht? Dann schreiben Sie uns, wie es Ihnen gefallen hat. Kommentar verfassen



Druckversion  [Druckversion]
Bookmark and Share